30.01.2018

Projektleiter 2030 in der digitalen Welt.

Mensch-Maschine-Synergie vs. Künstliche Konkurrenz

Das ProjektMagazin hat zur Blogparade 2017 zum Thema „Projektleiter 2030 – längst abgeschafft oder Schaltzentrale der digitalen (Projekt-)Welt?“ eingeladen. Hier ist unser Beitrag.

Uns Projektleitern in einer Agentur, die unter anderem im Digitalmarketing und der Entwicklung von Web-Applikationen unterwegs ist, ist klar, dass Projekte komplexer, digitaler und vielschichtiger werden. Die Breite und Tiefe der verwendeten Technologien und Anwendungen nimmt zu. Es treffen auch immer öfter Projektkulturen aufeinander, die nicht per se miteinander vereint werden können – zum Beispiel agile und klassische Projektführung. Konnte der Projektleiter bis jetzt als „Allzweckwaffe“ eingesetzt werden, wird dies unserer Ansicht nach zukünftig nur noch schwer möglich sein. Aber starten wir erst einmal mit der Analyse des Ist-Zustands.


Aufgabengebiete eines Projektleiters

Die Anforderungen an das Aufgabenfeld "Projektleitung" sind inzwischen sehr vielfältig: Neben der eigentlichen Aufgabe, ein Projekt unter der Maßgabe Time, Quality & Budget mit den gängigen Projektleiter-Tools aktiv zu managen, haben sich über Jahre hinweg immer mehr Schnittstellen-Aufgaben sowie konkrete Erwartungshaltungen an einen Projektleiter im Online-Marketing und der Web-Entwicklung ergeben und entwickelt. So ist er Anforderungsmanager und eventuell auch Teilzeit-Konzepter. Der Kunde wünscht sich natürlich einen Sparringspartner, der bei Bedarf möglichst spontan beraten und die Rolle des Online-Marketing Managers einnehmen kann. Je nach Projektkritikalität oder –kultur mutiert der Projektleiter unter Umständen auch zu einer Art Content Manager. Schließlich muss die Verantwortung, sensible Daten zu pflegen oder den Newsletter des Kunden zu versenden, irgendjemand übernehmen. Und wer wäre zum Ende eines Projekts besser geeignet, das Produkt aus Nutzersicht zu testen als der Projektleiter? Natürlich dürfen wir dabei das operative Projektteam nicht vergessen, da sich in zuverlässiger Regelmäßigkeit organisatorische, kulturelle und auch menschliche Fragestellungen und – ja, nennen wir das Kind beim Namen - Probleme ergeben, für deren Lösung es einen Vermittler, Coach und Teamleiter braucht. Selbstverständlich ist das alles etwas überspitzt formuliert – es trifft im Kern aber die vorherrschende Erwartungshaltung an einen Projektleiter in einer Agentur. Vor dem Hintergrund der oben angesprochenen, steigenden Komplexität und Technologievielfalt schreit dieser Job förmlich danach, durch spezialisierte Anforderungsmanager, Kundenberater, Konzepter, Content Manager, Projektkoordinatoren etc. erweitert und unterstützt zu werden.


Veränderte Aufgabengebiete des Projektleiters

Wir sind der Meinung, dass sich der Projektleiter, so wie wir ihn kennen, bis zum Jahr 2030 auf eine Kerndisziplin konzentrieren wird: Die Führung von Personen und Organisationen. Dabei wird das frühzeitige Erkennen von Deadlocks, Ineffizienzen und Fehlern die wichtigste Aufgabe sein. Dazu muss der Projektleiter die Personen und Organisationen in seinem Projekt kennen, begleiten und selbstverständlich in jeder Hinsicht einschätzen können. Die dafür benötigten Kernfähigkeiten sind Empathie, Eloquenz und systemisches Denken, gepaart mit betriebswirtschaftlicher Intuition. Unserer Meinung nach werden bestimmte Richtlinien, wie PM-Standards oder Zertifikate, immer mehr in den Hintergrund treten und an Wichtigkeit für eine erfolgreiche Projektabwicklung verlieren. Es wird nicht mehr den immer funktionierenden Weg zum Projekterfolg geben, der sich an vordefinierten Grundsätzen ausrichtet. Eine Bestätigung dieser Entwicklung findet sich im Bereich der agilen Softwareentwicklung. Dort hat sich der klassische Projektleiter, der ein Team steuert und Aufgaben verteilt, verabschiedet. Stattdessen liegt der Fokus des SCRUM-Masters auf der Stärkung des Teams und dem Wegräumen von Hindernissen. Aber auch hier zeigt sich in Studienergebnissen, dass eine lehrbuchhafte, agile Herangehensweise eher die Ausnahme ist. Bedingt durch bestimmte Rahmenbedingungen sind heute immer noch klassische Projektleitertätigkeiten und –fähigkeiten gefragt. Und das wird auch in 12 Jahren noch so sein.


Die neue Faulheit: Nutzung von intelligenten Algorithmen für automatisierbare Arbeit


Um in diesem Zusammenspiel ausreichend Zeit für diese sehr speziellen Tätigkeiten zu haben, muss der Job des Projektleiters zwangsläufig mit einer Art "Faulheit" einhergehen. Klingt erst einmal paradox, aber: Alle Erkennungs- und Steuerungsmechanismen, die automatisierbar sind, können und werden voraussichtlich auch automatisiert werden. Beispiele hierfür: Statusanalysen, Reportings, Risikoanalysen sowie Voraussagen zu Entwicklungen auf Basis von Kennzahlen, Terminkoordination bei Fertigstellung von Zwischengewerken. Nichtautomatisierbare Tätigkeiten, die in unserem Verständnis aber primär keine Aufgabe des Projektleiters sind, wie Anforderungserhebung, Konzeptionierung und Testing, werden mehr und mehr an Spezialisten abgegeben (werden müssen). Bei den automatisierten Aufgaben kann künstliche Intelligenz eine herausragende Stellung einnehmen: Betriebswirtschaftliche Abläufe werden im Detail von Algorithmen analysiert und gelernt. Applikationen werden sich etablieren, die gemeinsam mit dem menschlichen Pendant Projekte „leiten“. Der menschliche Projektleiter wird von seinem digitalen Gegenstück nur noch Metakennzahlen erhalten und Schlussfolgerungen für seine Führungstätigkeit ziehen. Die zynische Sichtweise wäre, dass der heutige Projektleiter dann zur Projektassistenz verkommt, nur noch Zahlen von A nach B geschoben werden und vieles auf der Strecke bleibt. Soweit würden wir aber keinesfalls gehen. Unserer Ansicht nach wird sich die Rolle des Projektleiters aber verändern. Entwicklung und Einfluss von KI wird auch vor unserem Job keinen Halt machen. Die Aufgabe ist zu vielfältig, um komplett durch Technik ersetzt zu werden. Im Idealfall nutzen wir die Möglichkeiten, die sich durch die technische Entwicklung ergeben, gehen eine Synergie ein und fokussieren die Aufgabe neu – intelligente Technik gewinnbringend nutzen, um mehr Zeit für die Menschen und Organisationen im Projekt zu haben. Hier teilen wir grundsätzlich die Meinung von Timucin Güzey, stellvertretender Vorsitzender im Fachkreis Online-Mediaagenturen des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW): „Während der Algorithmus für uns analysiert, optimiert, trackt und monitort, bleiben den humanen Mitarbeitern die zeitlichen und budgetären Ressourcen für Brainwork, überraschende Ideen, Dach-Strategien. Für Leuchtturm-Kommunikation und marktübergreifende Markenführung.“ Auch wenn sein Fokus branchenbedingt etwas anders ist, trifft es doch den gleichen Kern.


Unsere Vision

Die derzeitige „Allzweckwaffe“ Projektleiter wird immer mehr Aufgaben an Spezialisten abgeben. Alle automatisierbaren Aufgaben werden durch Systeme mit künstlicher Intelligenz übernommen. Die Führung von Menschen – und damit sind sowohl Kunden als auch Mitarbeiter gemeint – wird die zentrale Aufgabe des Projektleiters sein.


Autoren
Dr. Alexander Rachmann, Patrick Aelbrecht und Sven Olk für TeamWFP.

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